2. März 2026

Der Iran steht vor einer offenen Zukunft

Der Tod Khameneis markiert das Ende einer Ära der Grausamkeit. Ob er auch einen demokratischen Aufbruch einleitet, ist noch ungewiss. Entscheidend wird sein, ob es der Opposition gelingt, mutig in die Zukunft zu blicken, statt eine nostalgisch verklärte Vergangenheit wiederbeleben zu wollen. Ein Kommentar von Mina Ahadi.

Der Iran steht an einem his­to­ri­schen Wen­de­punkt. Über Jahr­zehn­te hin­weg war Kha­men­ei das Gesicht eines isla­mis­ti­schen Ter­ror­re­gimes, das sei­ne eige­ne Bevöl­ke­rung ent­rech­te­te und jeden Wider­spruch mit Fol­ter und Mord zum Schwei­gen brach­te. Sein Tod been­det die­ses Sys­tem nicht auto­ma­tisch. Aber er öff­net ein Zeit­fens­ter, in dem die Kon­tu­ren der Zukunft neu gezeich­net wer­den müs­sen.

Eine wich­ti­ge Leh­re ist, dass kei­ne Dik­ta­tur – egal wie groß ihr Aus­maß an Ver­bre­chen und Nie­der­tracht ist – ewig bestehen kann. Wäh­rend vie­le Men­schen im Iran auf­at­men, for­mie­ren sich Kräf­te, die den Macht­wech­sel nicht als demo­kra­ti­schen Neu­be­ginn, son­dern als Gele­gen­heit zur Restau­ra­ti­on ver­ste­hen. Tei­le der Oppo­si­ti­on prä­sen­tie­ren die Rück­kehr zur Mon­ar­chie als schein­bar geschichts­not­wen­di­ge Lösung. Reza Pahl­avi, Sohn des 1979 gestürz­ten Schahs, wird von man­chen als Inte­gra­ti­ons­fi­gur oder Garant eines sta­bi­len Über­gangs ins Spiel gebracht. Doch wir dür­fen nicht zulas­sen, dass die Macht allein an eine rück­wärts­ge­wand­te Strö­mung über­tra­gen wird, die mit säku­la­rer Rhe­to­rik den ira­ni­schen Natio­na­lis­mus sakra­li­siert.

Die For­de­run­gen vie­ler Mon­ar­chis­ten bie­ten bis­lang kein über­zeu­gen­des Pro­gramm, das der kom­ple­xen Situa­ti­on des Umbruchs im Iran gerecht wird. Damit eine poli­ti­sche Trans­for­ma­ti­on gelingt, muss sie an Rechen­schafts­pflich­ten, Gewal­ten­tei­lung und rechts­staat­li­che Garan­tien gebun­den wer­den. In der gegen­wär­ti­gen Debat­te besteht jedoch die Gefahr, dass das Bedürf­nis nach ein­fa­chen Ant­wor­ten bedient wird, statt die struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, die eine plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft benö­tigt: Trans­pa­ren­te Ver­fas­sungs­pro­zes­se, freie Wah­len, unab­hän­gi­ge Medi­en und eine welt­an­schau­lich neu­tra­le Jus­tiz. Soll­te es tat­säch­lich zu einem Macht­wech­sel kom­men, dür­fen die sys­te­ma­ti­schen Repres­sio­nen und die mas­si­ven Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te nicht unter den Tep­pich gekehrt wer­den. Statt­des­sen müs­sen Insti­tu­tio­nen geschaf­fen wer­den, die Ver­ant­wort­li­che zur Rechen­schaft zie­hen und den Opfern Zugang zu Recht und Wie­der­gut­ma­chung – soweit eine sol­che über­haupt mög­lich ist – ermög­li­chen. Nur so kann die Kul­tur der Gewalt durch­bro­chen wer­den und Ver­trau­en in neue Ord­nung wach­sen.

Vor allem aber muss die Strahl­kraft der Pro­tes­te der ver­gan­ge­nen Jah­re poli­ti­sche Gel­tung erhal­ten. Die­se Bewe­gung hat den inne­ren Kern des Men­ta­li­täts­wan­dels im Iran gebil­det: Frau­en ver­lan­gen nicht nur sym­bo­li­sche Aner­ken­nung, son­dern recht­li­che Gleich­heit, gesell­schaft­li­che Teil­ha­be und das Ende eines Sys­tems, das ein frei­es Leben kri­mi­na­li­siert. Die “Woman, Life, Freedom”-Bewegung war nicht ein Ruf nach bes­se­rer Herr­schaft, son­dern ein Auf­schrei gegen jede Form von Fremd­be­stim­mung. Ihr Anlie­gen braucht inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät, damit es nicht erneut über­gan­gen wird.

Selbst­er­nann­te Oppo­si­ti­ons­füh­rer kön­nen höchs­tens als tem­po­rä­re „Geburts­hel­fer“ einer demo­kra­ti­schen Über­gangs­pha­se betrach­tet wer­den, nie­mals als allei­ni­ge Archi­tek­ten der Zukunft. Sie mögen Auf­merk­sam­keit mobi­li­sie­ren, Kon­tak­te bün­deln und die Inter­es­sen ver­schie­de­ner Grup­pen mode­rie­ren. Doch sie besit­zen weder ein Man­dat noch das Recht, die poli­ti­sche Ord­nung eines Lan­des im Namen von über 90 Mil­lio­nen Men­schen fest­zu­le­gen.

Die Zukunft Irans darf kein Echo ver­gan­ge­ner Herr­schafts­for­men sein. Sie muss ein bewuss­ter Bruch sein – mit Dik­ta­tur, mit Per­so­nen­kult, mit der Logik der Angst. Der Iran steht an einem Wen­de­punkt: zwi­schen der nost­al­gi­schen Sehn­sucht nach einer ver­lo­re­nen Ver­gan­gen­heit und einer radi­ka­len Zäsur, die ech­te Hoff­nung in sich trägt.

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